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Donnernde Motoren und wirbelnde Pedalen seit 1953
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Bielefeld |  |
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Mit der Radrennbahn besitzt Bielefeld ein fast einzigartiges Bauwerk. In Deutschland gibt es nur eine vergleichbare Steher-Rennbahn aus Spannbeton und zwar in Chemnitz. Man sagt dem Bielefelder Velodrom sogar nach, es wäre mit seinen Steilkurven von 46 Grad die schnellste Betonpiste Europas. Damit ist die Bahn sicher die steilste vorort, aber längst nicht die erste. Denn bereits 1885 eröffnete der Bielefelder Velociped-Club im Ortsteil Gadderbaum eine Radrennbahn von einem Drittel Kilometer Länge. Nach dem derzeitigen Wissensstand wurde diese Aschebahn bis etwa 1900 für Rennen benutzt, danach diente sie als Lernbahn für Radfahrer und Radfahrerinnen. Anschließend wurde die Anlage in einen kleinen Sportplatz umgewandelt, der bis heute als Fußballplatz genutzt wird. Weitere Rennbahnen waren ab 1931 die so genannte Pottenau-Bahn, die auf dem einstigen Gelände des Franz Adolf Pott (Gut Pottenau) lag. Durch Eigenleistung vieler Bielefelder Radportler wurde hier ein vom DSC Arminia Bielefeld aufgegebener Fußballplatz zu einer Rennahn umgebaut. Ein angrenzender Bahndamm diente als Zuschauertribüne. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg rückte ein anderer Sportplatz in den Blickpunkt der radsportbegeisterten Bielefelder: die Königsbrügge. Als Mittelpunkt einer genossenschaftlichen Wohnsiedlung im Ortsteil Sieker für den Arbeitersport konzipiert, musste diese Kampfbahn mangels Alternative seit 1946 als Radrennbahn herhalten. Trotz der Unzulänglichkeit der Bahn, kamen die Zerstreuung suchenden Zuschauer in Massen. Die Einnahmen der Radsportvereine, welche der Finanzierung einer neuen Rennbahn hätten dienen können, wurden durch die Währungsreform im Juni 1948 mehr als dezimiert. Erst Anfang der Fünfziger Jahre konnte die aktuelle Bielefelder Radrennbahn in Angriff genommen werden.
Zur Baugeschichte: Erst sollte die Bahn auf dem Gelände der Pottenau-Bahn neu entstehen, dann war ein Bauplatz an der Wilhelm-Bertelsmann-Straße im Gespräch. Als die ersten Radsportler mit den Erdarbeiten bereits begonnen hatten, wurden sie plötzlich wegen neuer Straßenplanungen in diesem Bereich gestoppt. Nach langen Diskussionen beschloss der Stadtrat Mitte August 1950 den Bau einer Radrennbahn in den Heeper Fichten, dem Naherholungs- und Freizeitgelände im Osten Bielefelds. Die Westfälische Zeitung berichtete bereits in der Ausgabe vom 12. Oktober 1950 über erste bauliche Maßnahmen vorort: „Um möglichst schnell voranzukommen und unnötige Kosten zu sparen, würden jetzt schon die in der Kreuzstraße anfallenden Schuttmassen (er werden 37 000 Kubikmeter gebraucht) zur Errichtung der Besucherwälle angefahren, und dafür die in den Heeper Fichten anfallende Muttererde nach der Kreuzstraße transportiert.“ Die Tageszeitung berichtete weiter, dass aus Etatmitteln 350 000 DM zur Verfügung stünden und 400 000 DM von Radsportvereinen und der Fahrradindustrie beigesteuert würden. Der spätere Innenraum der Bahn wurde um 1,70 m unter Niveau abgetragen, der Ringwall für die Besucher sollte sich später etwa 6 m darüber erheben. Die Unmengen an Beton lieferte übrigens die regionale Niederlassung der Dyckerhoff & Widmann KG, später bekannt geworden als Aktiengesellschaft DYWIDAG. Doch erst am 29. Mai 1953 konnte das Richtfest des schließlich 640 000 Mark teuren Ovals gefeiert werden - die Verfestigung des Außenwalls aus Abbruchschutt und ein feuchter Sommer 1952 hatten die Fertigstellung der fugenlos gegossenen Zementbahn verzögert. Zum Eröffnungsrennen am 14. Juni 1953 fanden sich 15 000 Zuschauer ein und feierten frenetisch die Rennfahrer, die hinter ihren Schrittmachern über 80 km/h erreichten.
Entworfen wurde die 333,3 m lange Rennbahn von dem Münsteraner Architekt Clemens Schürmann, der von 1926 bis 1957 in Deutschland und Europa 47 Bahnen konzipierte. Als ehemaliger Rennfahrer, der 1927 seine Rennfahrerkarriere beendete, konnte er seine Erfahrungen einbringen. Sein Sohn Herbert stieg in das Architekturbüro ein und übernahm 1952 dessen Leitung, als Clemens während eines Sechs-Tage-Rennens einen Schlaganfall erlitt. 1957 verstarb der allseits geschätzte Architekt in Münster. 1985 trat Herberts Sohn Ralph in das Geschäft ein. Das heute noch bestehende Planungsbüro entwarf weitere 70 Velodrome, u. a. für die Olympiaden in Mexico, München, Seoul und Beijing.
Zurück zum Bielefelder Oval. Im Eröffnungsjahr konnten 52 000 Zuschauer gezählt werden. Leider fiel der Betrieb der Bahn in die Phase des Niederganges der Bielefelder Fahrradindustrie. Das Interesse der Zuschauer an Steherrennen ließ nach, immer mehr Firmen wie Dürkopp, Rabeneick oder PWB-Durex zogen sich vom Profi-Radsport zurück. Anfang der 1960er Jahre kamen jährlich nur noch gut 10 000 Zuschauer zu den Rennen. Heute wird die Bahn, noch immer im Besitz der Stadt Bielefeld, vom RC Zugvogel betreut. Auf der inzwischen mehrmals notdürftig reparierten Betonbahn finden jährlich noch drei bis vier Schrittmacherrennen statt. Konstruktionsbedingt können auf dieser Bahn nur Steherrennen optimal gefahren werden, weil die Bahnneigung auf Geschwindigkeiten berechnet ist, die nur bei solchen Rennen erzielt werden. Da die Rennbahn unverständlicher Weise nicht unter Denkmalschutz steht, sind ihre Jahre wohl gezählt. Wer einmal ihre magische Ausstrahlung erleben möchte, kann dies am 12. September anlässlich eines Nostalgie-Tages tun. Dann werden alte Schrittmachermaschinen der Marken ANZANI, NSU, BSA und Harley Davidson zu bewundern sein und historische Rennräder ausgestellt. Höhepunkt wird ein Demonstrationsrennen mit ehemaligen Deutschen Meistern, Europa - und Weltmeistern vorgeführt. Es gibt also ein Wiedersehen mit Spitzenfahern wie Podlesch, Kos und Rellensmann.
Hier noch ein paar wissenswerte Angaben über die Markierungen auf der Bahn: Die Fahrfläche in Länge und Breite ist in bestimmte Zonen unterteilt und durch genormte Farbstreifen markiert.
Schwarze Linie: Diese Messlinie ist 20 cm von der Bahn-Innenkante entfernt in 8-10cm Breite um die Fahrbahn gezogen. Der befahrbare Raum unterhalb der Bahn-Innenkante wird Teppich oder Côte d’Azur genannt und gilt als Anfahrstreifen.
Rote Linie: Sie verläuft 30cm von der Messlinie entfernt und ist als Passierlinie für Flieger- und Sprintdisziplin gedacht.
Blaue Linie: Auch sie gilt für Steherrennen. Der Abstand zwischen ihr und der schwarzen Linie soll einerseits mindestens 2m betragen, anderseits darf er aber auch nicht größer sein als ein Drittel der gesamten Bahnbreite.
Die verbleibenden zwei Drittel müssen breit genug sein, um die Durchfahrt von drei Teilnehmern nebeneinander zu ermöglichen. Einem Schrittmacher ist es, außer in Gefahrensituationen, verboten, ein Gespann links zu überholen. Überholt wird also im Gegensatz zum Straßenverkehr ausschließlich rechts. Der Schrittmacher muss seine Fahr- und Kampfesweise so führen, dass auch ein nachfolgender Fahrer noch ein Überholmanöver durchführen kann.
Quellen:
Kurt Neumann, Bielefelder Sport im Wandel der Zeit, Band 2, Verlag H. Gieselmann, Bielefeld 1994
Homepage des RC Zugvogel: www.rc-zugvogel.de
Website zu Clemens Schürmann: www.radsportgalerie.schuermann-muenster.de
(Michael Mertins, Bielefeld)
Bildunterzeilen
Abb. 1. Ein Blick auf die vollbesetzten Ränge beim Eröffnungsrennen: Vorne der zweite Zuschauer von rechts ist Clemens Schürmann, der noch von seinem Schlaganfall gezeichnet wirkt. Foto entnommen dem Buch von Günter Gerke, Bielefeld - so wie es war Teil 3, S. 27, Droste Verlag GmbH Düsseldorf 1977
Abb. 2. Der halbfertige Bau der Rennbahn im November 1952. Links im Vordergrund sind die senkrecht stehenden Armierungseisen der späteren Betonbrüstung gut zu erkennen. Foto: Hermann Rieger
Abb. 3. Peter Jörg aus der Schweiz hinter seinem Schrittmacher beim Rennen um den Leineweberpreis, Juni 2010 Foto: M. Mertins
Hier ein Gedicht, welches zum Richtfest 1953, von einem Unbekannten verfasst wurde. Die Reime beschreiben auch die Probleme mit dem Bauplatz, bei der Finanzierung und in der Bauausführung. Es ist in einem kleinen Album mit Fotos vom Bau der Bahn abgedruckt. (Sammlung Wolfgang Gäsing, Bielefeld)
Der Start ist frei! Es ist geschafft,
und schon in wenigen Tagen
wird Deutschlands beste Radmannschaft
über die Bahnen jagen.
So rund, so reibungslos und glatt
die Flächen sich erheben,
ging es nicht immer, denn es hat
so manchen Strauß gegeben.
Der Krieg war eben erst vorbei,
Schwarzhandel stand in Blüten,
als Idealisten frisch und frei
sich um den Bau bemühten.
Doch stärker war als aller Mut,
als Pläne und auch Tricks,
die Inflations- und Währungsglut
der Pleite am Tag X.
Doch selbst als dann der Bauplatz gar
kassiert für höh’re Zwecke,
schmiß man den Plan, wie wunderbar!,
nicht einfach in die Ecke.
Im Gegenteil, man machte nun
aus Not noch eine Tugend
und suchte einen neuen Weg
im Blick auf unsere Jugend.
Als einer in dem Augenblick
die Heeper Fichten nannte,
da fand er jenes Zauberwort,
das die Gedanken bannte.
Der Rat beschloß nach kurzer Frist,
die Radrennbahn zu bauen.
Der Bauausschuß, wie’s üblich ist,
begann mit viel Vertrauen.
Bald wuchs ein Schuttberg in die Höh’
am Rand der Heeper Fichten,
und alle schafften Tag und Nacht,
die Bahn schnell zu errichten,
doch Schutt ist halt noch kein Basalt,
er muß sich langsam „setzen“,
damit nicht durch Naturgewalt
die Bahn dann reißt in Fetzen.
Schnell waren Meckerer zur Hand
und mancher Neunmalkluge
und schrie’n: Ihr kommt doch nie zu Rand
und mit der Bahn zum Zuge.
Sie täuschten sich, denn bald darauf
begann schon das Planieren.
Die Mischmaschinen fuhren auf,
die Bahn zu betonieren.
Und eines Tages spannte sich
die Bahn in einem kühnen
gewölbten Bogen, feierlich
begrenzt von den Tribünen.
Nun ist’s soweit. Bald werden sie
steil in den Kurven stehen
und unter jubelndem Applaus
die ersten Runden drehen.
Die Radrennbahn – ’s ist Euer Werk! –
erwartet ihre Gäste
und rüstet sich mit Eifer schon
zu dem Eröffnungsfeste!
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(25. August 2010, Michael Mertins, Historische Fahrräder e.V. Bielefeld) |
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