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Die "Rennbahnkatastrophe" oder der "Schwarze Sonntag"
von Berlin

Auf dem Gelände des ehemaligen Botanischen Gartens in der Potsdamer
Straße (heute Kleist-Park) in Berlin wurde 1909 eine "provisorische
Radfahrbahn aus Holz" mit 300 Metern Länge und acht Metern Breite
errichtet, um darauf u.a. Rennen hinter Motoren abzuhalten.
Die Genehmigung dazu wurde erteilt, obwohl die Anwohner in einem Protestschreiben
am
1. Juni 1909 gegen die damit verbundene Lärm- und Geruchsbelästigung
Einspruch erhoben hatten. Der zuständige Kreisarzt, dem dieser Einspruch
vorgelegt wurde, wiegelte die Einwände mit der Bemerkung ab, dass
durch den Betrieb auf der Rennbahn kein größeres Geräusch
verursacht werden würde als durch den üblichen Straßenlärm
einer Großstadt.
So konnte der Bau der Rennbahn und der Tribünen beginnen. Nach einigen
Änderungen der Konstruktion startete Mitte Juli 1909 die mit Spannung
erwartete Rennsaison. Aber schon am 18. Juli 1909 kam es zu einem folgenschweren
Unglück, dem bisher schwersten im deutschen Radsport.
Auf der im Vorfeld als "billiardglatt" und wegen ihrer Schnelligkeit
gerühmten Radrennbahn war der Schrittmacher Werner Krüger, der
den Rennfahrer John Stol führte, wegen eines Defekts mit seiner Maschine
gestürzt. Der Steuermann des folgenden Führungstandems, Emil
Borchardt, versuchte auszuweichen, sein Motorrad flog über die Bande
in die Zuschauermenge, der Benzintank explodierte. Neun Menschen starben,
rund 50 wurden verletzt.
Der Berliner Radsportjournalist Fredy Budzinski verarbeitete diesen "schwarzen Sonntag" auf
die ihm eigene Weise. Unter der Überschrift "Mors Imperator"
schrieb er:
"Am Start stehen die Streiter. Unwillkürlich zieht es mich
zu ihnen. Ich beschleunige meinen Schritt, gleichsam als wolle ich dem
Gefühl, das mich nicht loslässt, entgehen. Sie spielen mit ihrem
Leben, denke ich. "Mit ihrem Leben?" fragt jemand hinter mir.
Erschrocken drehe ich mich nach dem Frager um. Niemand ist da.
Der Startschuss fällt und es beginnt ein Kampf auf Leben und
Tod. Ach Unsinn. Leben und Tod? Ich suche dem Gedanken zu entfliehen,
da sehe ich plötzlich vor mir eine schwarze Gestalt. Meine Augen
folgen dem Phantom, das niemand ausser mir zu sehen scheint.
Mit übermenschlicher Kraft packt der Schwarze die Maschine mitsamt
der Mannschaft, hebt sie empor und schleudert sie mit furchtbarer Gewalt
in die dichtgedrängten Zuschauer hinein. Eine Flammengarbe steigt
empor. Schauerlich beleuchtet die Riesenflamme die Stätte. Als die
Flamme verlosch, war der Schwarze den Mantel und die Maske ab und zeigte
sich dem Volke. Seht, ich bin überall, heute hier, morgen in Brüssel,
ich der Mors Imperator."
Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen ergaben keine Schuld des Betreibers
oder der Erbauer der Bahn. Als Ursache dieses in der Geschichte des Radsports
einzig dastehenden Unglücks wurde das Zusammentreffen unglücklicher
Umstände anerkannt.
Nach einigen weiteren Verbesserungen der Sicherheitsbedingungen und der
Zusage des Betreibers, in Zukunft keine Tandem-Maschinen mehr als Schrittmacher
einzusetzen, fanden ab Mitte August 1909 erneut Rennen auf der Holzbahn
statt, vorerst jedoch ohne Motorräder. Trotz Nichteinhaltes der baupolizeilichen
Auflagen für die Verwendung von Motorrädern wurden Anfang September
1909 erneut Rennen mit Motorführung abgehalten, wobei nur die Geistesgegenwart
eines Schrittmachers einen Unfall an gleicher Stelle verhinderte.
Damit bestätigte sich die Meinung der Experten, dass die Abmessungen
der Bahn für solche Art von Rennen nicht geeignet waren. Ein letztes
Rennen fand Anfang Oktober statt, dann musste der Betreiber Konkurs anmelden,
da auch die Besucher ausgeblieben waren.
Czihak, Hans: Schweres Unglück beim Radrennen, in: Berlinische Monatsschrift
2/1995,
überarbeitet und ergänzt von Renate
Franz
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